Die frühen Jahre (1849 - 1944)
Als Carl Legien am 14. März 1892 im Tanzsaal einer Halberstädter Kneipe die Gründungskonferenz der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands eröffnete, des mitgliederstärksten gewerkschaftlichen Dachverbandes im Deutschen Reich, lagen unendliche Mühen hinter ihm und seinen Getreuen. Noch kurz zuvor herrschte das Sozialistengesetz, unter dem Sozialdemokraten und ihnen nahestehende Gewerkschafter vom Staat verfolgt wurden. Nach wie vor galten sie als "vaterlandslose Gesellen". Häufig versuchten konservative Honoratioren, Wirte unter Druck zu setzen, die Tagungslokale zur Verfügung stellen wollten. Das war in Halberstadt nicht möglich, aber um die Gewerkschaften wenigstens zu behindern, wurde kurzfristig eine Militärübung einberufen, so dass vor Ort kaum Betten zur Verfügung standen.
57 Jahre später, 1949 in München, konnte Hans Böckler den Gründungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes schon unter ganz anderen Bedingungen eröffnen. Den Delegierten stand der vom Stararchitekten Oskar von Miller entworfene Kongresssaal zur Verfügung. Die Honoratioren gaben sich die Klinke in die Hand. Bundeskanzler Adenauer, der nicht als besonderer Gewerkschaftsfreund galt, gab terminliche Gründe für seine Verhinderung an, schickte aber seinen Arbeitsminister Anton Storch. Der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard (CSU) machte den Gewerkschaften persönlich seine Aufwartung. Nur die Versorgung mit Übernachtungsmöglichkeiten war immer noch schwierig, in München herrschte wegen der Kriegsfolgen akuter Wohnraummangel. In den seit Halberstadt vergangenen sechs Jahrzehnten waren aus vermeintlich umstürzlerischen Gesellenbünden wenn auch nicht überall geliebte, so doch geachtete Organisationen geworden, die Periode von 1933 bis 1945 außer Acht gelassen.
Doch der Reihe nach...
Entstehung und Aufstieg im Kaiserreich
Weimarer Republik und NS-Deutschland
Von der Kneipe zum Kongresssaal
Entstehung und Aufstieg im Kaiserreich
Eine Folge der Industrialisierung Deutschlands seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts war die Verschärfung sozialer Konflikte. In den aufstrebenden Großstädten Deutschlands entstanden nach dem Druckerverband (1849) Berufsverbände der Zigarren-, Textil- und Metallarbeiter, der Bergleute, Schneider, Bäcker, Schuhmacher und der Holz- und Bauarbeiter. Während dieser ersten Gründungsphase war der handwerkliche Einfluss noch prägend. Die Arbeiterbewegung der 1860er Jahre brachte nicht nur Gewerkschaften hervor. Auch politische Parteien traten auf den Plan, als deren bedeutendste sich die sozialdemokratische erwies. 1875 in Gotha gegründet, erfreute sie sich der Sympathie und Mitarbeit vieler Gewerkschafter, weil sie wie keine andere Partei den Forderungen nach einer gerechteren Gesellschaftsordnung entgegenkam. Andere, mächtigere Interessengruppen, fühlten sich bedroht. Reichskanzler Otto von Bismarck nutzte 1878 zwei Attentate auf Kaiser Wilhelm I., um im Reichstag das "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" (Sozialistengesetz) durchzusetzen. Bis zu dessen Ende 1890 wurden 332 Vereine aufgelöst, die durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen angeblich den Umsturz der bestehenden Ordnung bezweckten, darunter auch viele Gewerkschaften, die offen zur Sozialdemokratie standen. "Wer eine Pension hat für sein Alter, der ist viel zufriedener und viel leichter zu behandeln, als wer darauf keine Aussicht hat." Mit dieser Hoffnung begründete Bismarck die Kaiserliche Botschaft von 1881, die den Beginn der modernen Sozialgesetzgebung in Deutschland markierte. 1883 wurde ein Krankenversicherungs-, 1884 ein Unfallversicherungs- und 1891 ein Gesetz zur Alters- und Invalidenversicherung mit Rentenanspruch ab 70 Jahren verabschiedet, die Finanzierung wurde zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern geteilt. Die Leistungen waren zunächst sehr bescheiden und nicht viele Arbeiter konnten sie in Anspruch nehmen, denn die durchschnittliche Lebenserwartung lag im damaligen Deutschland bei knapp vierzig Jahren.

- 1890 - Diese Einladungskarte legitimierte Carl Legien, den späteren Vorsitzenden des ersten gewerkschaftlichen Dachverbandes, zur Teilnahme am Vorbereitungstreffen für die Gründung der General- commission.
Das war das Zuckerbrot zur Peitsche des Sozialistengesetzes. Trotz der Doppelstrategie gelang es Bismarck nicht, die Arbeiterbewegung zu zerschlagen. Im Gegenteil gewann die SPD an Popularität, auch den Gewerkschaften gelang ein neuer Aufschwung. Im März 1892 gründeten die Vertreter von 57 Einzelverbänden in Halberstadt ihren ersten Dachverband. Bedeutsam für die künftige Entwicklung waren vor allem zwei Beschlüsse. Erstens setzten sich in der Auseinandersetzung zwischen den "Lokalisten" und den "Zentralisten" die letzteren durch. Die Delegierten stimmten mehrheitlich für die Zentralisierung, weil sie sich von ihr eine effektivere und machtvollere Interessenvertretung erhofften. Aus dem gleichen Grund sollten zweitens berufsübergreifende Industrieverbände entstehen. Dafür hatten sich vor allem die Metall- und die Holzarbeiter eingesetzt. Sie beklagten, dass in den einzelnen Unternehmen stets mehrere Gewerkschaften nebeneinander, oft auch gegeneinander arbeiteten. Dagegen setzten sie auf das Prinzip "Ein Betrieb - Eine Gewerkschaft". Auch wenn die Berufsverbände noch dominierten, begünstigte die wirtschaftliche Entwicklung mit ihrem Trend zur starken Unternehmensexpansion auch in anderen Branchen wie dem Bergbau, der chemischen oder der Elektroindustrie längerfristig den zentralisierten Industrieverband.
Gemessen am Ziel, den marxistischen Einfluss auf die Arbeiterbewegung zu mindern, blieb das Wirken christlicher und sozialliberaler Gewerkschaftsrichtungen begrenzt, wenngleich sie in einigen Branchen und Regionen durchaus Bedeutung erlangten. 1900 hatten die freien Verbände 680.000, die christlichen 77.000 und die nach ihren Gründern Max Hirsch und Franz Duncker benannten "Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine" rund 92.000 Mitglieder.
Der Anstoß zu einer Revision der marxistischen Programmatik kam aus einer anderen und lange Zeit unerwarteten Richtung. Die freien Gewerkschafter, ganz vorne ihr selbstbewußter Sprecher Carl Legien, machten deutlich, dass sie zwar auf die sozialdemokratische Partei als parlamentarische Interessenvertretung der Arbeiter angewiesen waren, dass aber umgekehrt die Partei auch die Gewerkschaften brauche - zum Beispiel bei Wahlkämpfen. Am Beginn ihres Weges hatte der sozialdemokratische Parteivorsitzende August Bebel die der SPD nahestehenden Gewerkschaften noch väterlich wohlwollend zur "Rekrutenschule der Partei" erklären können. Zum Ende des 19. Jahrhunderts waren sie jedoch zu mitgliederstarken und machtvollen Organisationen geworden. Sie forderten, dass die sozialistische Arbeiterbewegung sich politisch mäßigen müsse. Viel besser, als auf den Trümmern der alten eine neue Gesellschaft aufzubauen sei es doch, die Probleme der alten Gesellschaft durch Reformen zu lösen, durch Verhandlungen mit den Unternehmern und parlamentarisch legitimierte Gesetze. Dem Revolutionsgedanken wurde eine klare Absage erteilt. Im Ergebnis dieser "Revisionismusdebatte" setzten sich, unterstützt von Legien und seinen Kollegen, die Anhänger eines durch Reformen und nicht durch eine Revolution herbeizuführenden Sozialismus durch. Reform oder Revolution - im Kaiserreich schien beides weit entfernt. Dass die Besitzenden begünstigende Dreiklassenwahlrecht bedeutete zum Beispiel für die Stadt Essen, dass Alfried Krupp mit seiner Stimme allein ein Drittel der Stadtverordneten bestimmen konnte - soziale Apartheid.
Entscheidende Impulse für eine gesellschaftliche Modernisierung sollte ausgerechnet der Erste Weltkrieg bringen. Die führenden Sozialdemokraten sahen Deutschland umringt von Feinden und wollten in dieser Stunde der Not das Vaterland nicht im Stich lassen, wie sich Friedrich Ebert, der damalige Parteivorsitzende, äußerte. Der SPD-Kurs wurde von den freigewerkschaftlichen Führungsgremien unterstützt, auch noch, als sich in Partei und Gewerkschaften ab 1916 die Zweifel am Krieg mehrten. Die für den Kriegskurs erhofften Gegenleistungen - soziale Reformen und Demokratisierung - ließen auf sich warten.
Weimarer Republik und NS-Deutschland
Mehr als der Krieg selbst bewirkte die Niederlage den sozialen Wandel. Wilhelm II. musste abdanken, das Kaiserreich der ersten Republik weichen. Das Dreiklassenwahlrecht fiel und das Frauenwahlrecht wurde eingeführt. Es war aber wohl weniger Dankbarkeit, die die herrschenden Kräfte zu diesen Zugeständnissen bewog, als vielmehr die Angst vor einer ähnlichen Entwicklung wie in Russland, wo im Vorjahr die kommunistischen Revolutionäre unter Lenin an die Macht gelangt waren.

- 1920 - Aufruf zum Generalstreik. Die Gewerkschaften wehren sich nach der Auflösung der Nationalversammlung durch reaktionäre Militärs gegen die Zerschlagung der Demokratie.
Ähnliche Motive veranlassten Hugo Stinnes 1918, Kontakt zu Carl Legien aufzunehmen. Der Spross einer Mühlheimer Unternehmerdynastie, der sich zu einem der führenden Industriellen in Deutschland emporgearbeitet hatte, konnte seine Kollegen davon überzeugen, dass die Kooperation mit gemäßigten Gewerkschaftern einer drohenden Sozialisierung vorzuziehen sei. Im sogenannten "Novemberabkommen" von 1918 erhielten die Gewerkschaften die Anerkennung als Vertreter der Arbeiter. Tarifverträge wurden akzeptiert, die Einführung von Arbeiterausschüssen in allen Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten und die Einführung paritätisch verwalteter "Arbeitsnachweise", den Vorläufern der heutigen Arbeitsämter, vereinbart. Auch die Einführung des Achtstundentages bei vollem Lohnausgleich wurde besiegelt.
Die Mehrheit der freien Gewerkschafter verzichtete auf ihre Forderung nach einer Umgestaltung der Wirtschaftsordnung vorerst, weil sie einer weiteren Destabilisierung der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft keinen Vorschub leisten wollte. Legien erklärte: "Die Sozialisierung einer durch die Kriegswirtschaft erschütterten und desorganisierten Volkswirtschaft ist nicht möglich." Das Vorhaben der Kommunisten, in Deutschland ein Rätesystem nach russischem Vorbild zu errichten, wurde abgewehrt.

- 1926 - Die gewerkschaftlich organisierten Eisenbahner wenden sich gegen angedrohten Lohn- und Personalabbau und fordern kürzere Arbeitszeiten mit Lohnausgleich.
Das Betriebsrätegesetz vom 4. Februar 1920 hatte mit rätedemokratischen Vorstellungen wenig zu tun. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten in der betrieblichen Sozialpolitik und bei Entlassungen wurden erweitert. Die Betriebsräte erhielten eine ähnliche Doppelfunktion wie die Arbeiterausschüsse: sie sollten zwar die Interessen der Arbeitnehmer vertreten, sich aber auch loyal der Betriebsleitung gegenüber verhalten. Wirtschaftliche Mitbestimmung war nicht vorgesehen. Während die christlichen Gewerkschaften und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine das Gesetz begrüßten, war es in den Reihen der freien Gewerkschaften sehr umstritten. Die Kritiker wandten ein, dass die Doppelloyalität die Betriebsräte zu einer Art "Unternehmerpolizei" mache, außerdem gewerkschaftlicher Einfluss auf die Betriebsräte auf sie fehle.

- 1929 - Faltblatt der 20er Jahre, in dem gewerkschaftliche Erfolge aufgeführt sind und für den Beitritt in die Gewerkschaften geworben wird.
Trotz aller Kritik fand die Politik der gewerkschaftlichen Führungsgremien in Krieg und Revolution unter den Arbeitnehmern breiten Anklang. Die seit 1918 im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) zusammengeschlossenen freien Gewerkschaften konnten ihre Mitgliedszahlen bis 1929 auf fünf Millionen steigern. Die wirtschaftlichen Kriegs- und Nachkriegsprobleme, vor allem Inflation und Hyperinflation, wurden 1923 bereinigt. Die folgenden Jahre waren von bescheidenem wirtschaftlichem Aufschwung und relativer Stabilität geprägt. Deutschland schien auf einem guten Weg und die Gewerkschaften hatten daran ihren Anteil gehabt. Plötzlich und unerwartet aber waren die "goldenen Jahre" der Weimarer Republik wieder vorbei. Dem New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 folgte ein massiver Abzug ausländischen Kapitals. Der Kapitalmangel ließ die Wirtschaft schrumpfen, Absatz, Produktion und Arbeitsplätze zurückgehen. 1930, als über zweieinhalb Millionen Deutsche arbeitslos waren, kam es durch einen Streit über die Arbeitslosenversicherung - Beitragserhöhungen oder Leistungsminderungen - zum Bruch der Koalitionsregierung unter dem Sozialdemokraten Herrmann Müller.

- 1931 - In diesem Aufruf zum 1. Mai in Tübingen wird die Fünf-Tage-Woche gefordert, um neue Jobs für Arbeitslose zu schaffen.
Die Konsequenzen dieses Vorgangs waren den Beteiligten zunächst nicht klar. Die letzte Weimarer Regierung, die auf parlamentarischer Grundlage handeln konnte, war auseinandergebrochen. Es folgten drei sogenannte "Präsidialkabinette", die auf der Grundlage des Artikels 48 der Weimarer Verfassung vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ernannt wurden und mit Notverordnungen am Reichstag vorbei regieren konnten. Die Zahl der Arbeitslosen wuchs dennoch bis 1932 auf über sechs Millionen an.
Die Gewerkschaften wurden von der Krise schwer getroffen. Allein die dem ADGB angeschlossenen Verbände verloren 1931 und 1932 jeweils rund 600.000 Mitglieder. Schwerer wog jedoch der politische Niedergang der Weimarer Demokratie, dem die Gewerkschaftsbewegung auch wegen ihrer weltanschaulichen Spaltung wenig entgegenzusetzen hatte. Die Weltwirtschaftskrise hatte eine Partei der deutschen Rechten gestärkt, die eindeutig gegen die Republik auftrat: die NSDAP unter Adolf Hitler. Im Januar 1933, als der Höhepunkt der Krise bereits überschritten war, konnte Hitler, von Hindenburg begünstigt und von Alfred Hugenberg und seiner Deutschnationalen Volkspartei unterstützt, die Kanzlerschaft erringen. Zug um Zug wurde nun jede mögliche Opposition ausgeschaltet. Die Vorsitzenden der gewerkschaftlichen Dachverbände gründeten im April 1933 den "Führerkreis der vereinigten Gewerkschaften" um durch Anpassung an das NS-Regime das organisatorische Überleben zu sichern. Der Versuch gipfelte im Aufruf des "Führerkreises" zum 1. Mai 1933, den Hitler zum Feiertag und zum "Tag der nationalen Arbeit" erklärt hatte. Hitler nahm das Angebot zur freiwilligen Gleichschaltung aber nicht an. Er ließ die freien Gewerkschaften am 2. Mai von SA- und SS-Trupps zerschlagen. Die christlichen und liberalen Verbände wurden zur Selbstauflösung gezwungen.

- 1933 - Letzter verzweifelter Versuch der Gewerkschaften, die bevorstehende Zerschlagung abzuwenden, indem die Regelung der Nazi-Regierung begrüßt wird, den 1. Mai zum Feiertag zu erklären.
Die sozialpolitischen Aufgaben und das Vermögen der Gewerkschaften übernahm die Deutsche Arbeitsfront, in der Arbeitnehmer und Arbeitgeber organisiert waren. Der nationalsozialistischen Ideologie entsprechend wurden in der "Betriebsgemeinschaft" die Unternehmer zu "Betriebsführern", die Arbeitnehmer zur "Gefolgschaft". Viele Gewerkschafter wurden, sofern sie nicht untergetaucht oder in's Exil gegangen waren, in "Schutzhaft" genommen oder in Konzentrationslager verschleppt, nicht wenige auch ermordet. Gemeinsam mit anderen Gruppen schlossen sich Gewerkschafter auch dem Widerstand gegen das NS-Regime an. Die bekanntesten waren Wilhelm Leuschner von den freien und Jakob Kaiser von den christlichen Gewerkschaften. Beide standen in engem Kontakt mit der Gruppe um den Grafen Stauffenberg, die am 20. Juli 1944 ein vergebliches Attentat auf Hitler durchführte. Während Kaiser anschließend die Flucht gelang, wurde Leuschner zusammen mit Stauffenberg und anderen Beteiligten verhaftet, vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Von der Kneipe zum Kongresssaal
Der atmosphärische Vergleich der beiden Gründungskongresse gewerkschaftlicher Dachverbände 1892 und 1949 zeigt, welchen Weg die Gewerkschaften während dieses halben Jahrhunderts genommen hatten. Ihre Vorgeschichte lehrt, dass sie nicht immer so selbstverständlich in Staat und Gesellschaft dazugehörten, wie in dem darauf folgenden halben Jahrhundert bis heute.
Zum Teil älter als das Kaiserreich von 1871 erlebten sie eine erste Aufschwungphase während der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Die vor allem in Preußen herrschende Schicht adeliger Großgrundbesitzer ließ jedoch eine Demokratisierung von Staat und Wirtschaft nicht zu. Das Sozialistengesetz (1878-1890), unter dem Sozialdemokraten und Gewerkschafter vom Staat verfolgt wurden, verstärkte trotz der Repressionen eher deren Popularität, als es ihnen geschadet hätte. Seit den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts erlebten sie einen beachtlichen Aufschwung, der sie in eine beinahe staatstragende Position bringen sollte. Mit Beginn der Weimarer Republik schienen die Gewerkschaften ihren Zielen tatsächlich ein gutes Stück nähergekommen. Die Anerkennung durch Unternehmer und Staat war erreicht, führende Gewerkschafter rückten erstmals in hohe Staatsämter auf, wichtige Gesetze trugen ihre Handschrift. Der Sozialstaat nahm in wesentlichen Zügen sein heutiges Gesicht an.
Und doch - so sehr die Gewerkschaften die Anerkennung durch den Staat schätzten - dem Staat selbst fehlte die Anerkennung in weiten Teilen der Gesellschaft. Das Weimarer System überstand seine erste große Bewährungsprobe nicht. In der Weltwirtschaftskrise erwies es sich als Schönwetterdemokratie. Am Ende fehlte den Gewerkschaften, die zu ihren wichtigsten Stützen zählten, die Kraft zur Verteidigung der Weimarer Republik.
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Herausgeber: DGB-Bundesvorstand
Autor: Ralf Engeln
Redaktion: Bernhard Schulz, Klaus W. West
Bildnachweis: Archiv für Kunst und Geschichte, bildarchiv preussischer kulturbesitz, DGB-Archiv, dpa, Ullstein Bilderdienst

