Ausbildungsreport 2009

Weibliche Azubis verdienen durchschnittlich 100 Euro weniger. Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, mangelnde fachliche Anleitung, geringe Aussichten auf Übernahme und geschlechtsspezifische Unterschiede sind gravierende Mängel, die einer insgesamt positiven Bewertung der Berufsausbildung im Wege stehen, so die Ergebnisse des diesjährigen Ausbildungsreports der DGB-Jugend.

Der Report basiert auf einer repräsentativen Befragung von insgesamt 6.920 Auszubildenden aus den am 25 stärksten frequentierten Ausbildungsberufen. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock und DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf haben den Ausbildungsreport am 27. August 2009 in Berlin vorgestellt. Für die Ausbildungsqualität spielt neben der individuellen Situation im Betrieb die Zugehörigkeit zur Berufsgruppe bzw. zur jeweiligen Branche eine entscheidende Rolle. Im Ranking der 25. häufigsten Ausbildungsberufe werden die Fachinformatiker/innen am besten eingestuft (siehe Grafik, Vergrößerung durch Klick). Eine sehr gute fachliche Anleitung und relativ wenig ausbildungsfremde Tätigkeiten verhelfen ihnen auf diese Position. Ähnlich gut schneiden auch die Industriemechaniker/innen sowie Bank-, Industrie- und Bürokaufleuten ab. Große Probleme haben nach wie vor die Auszubildenden im Hotel- und Gaststättengewerbe. Rang 24 nehmen Hotelfachleute ein, gefolgt von Restaurantfachleuten auf Rang 25. Die Ursachen für die Schlusslichter sind harte Arbeit, permanent viele Überstunden, ein oftmals rauer Ton und das Gefühl, ausgenutzt zu werden. Das führt bei vielen Auszubildenden in dieser Branche zu großer Enttäuschung. Die Vermittlung von Lehrinhalten wird häufig zur Nebensache, stattdessen führt hohe Arbeitsintensität zu körperlicher und geistiger Erschöpfung. Dazu der DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf: „Wir fordern von den Ausbildungsbetrieben ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Auszubildende kein Ersatz für regulär Beschäftigte sind, sondern sich in einem Lernverhältnis befinden.“
 
Bei den Überstunden hat es insgesamt gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg von zwei Prozentpunkten gegeben. Im Ausbildungsreport 2009 geben über 42 Prozent der Befragten an, regelmäßig Mehrarbeit leisten zu müssen. Berufsbezogene Unterschiede zeigen, dass fast 72 Prozent der zukünftigen Restaurantfachleute und 65 Prozent der angehenden Köche/Köchinnen von regelmäßigen Überstunden betroffen sind. Bei den Industriemechaniker/-innen in spe sind es dagegen weniger als 20 Prozent.


Im Schnitt aller Ausbildungsberufe gaben 13,4 Prozent der Befragten an, häufig oder immer ausbildungsfremde Tätigkeiten erledigen zu müssen. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Betriebsgrößen. In Betrieben mit höchstens zehn Beschäftigten müssen fast 20 Prozent der Auszubildenden solche Aufgaben übernehmen, in Betrieben mit mehr als 500 Beschäftigten sind es 6,4 Prozent. „Wenn Azubis sich dagegen wehren, Toiletten zu schrubben oder sich um die Kinder des Chefs zu kümmern, ist das keine persönliche Empfindlichkeit, sondern ihr gutes Recht“, so Rudolf.


Auch mit der fachlichen Anleitung sind viele Auszubildende unzufrieden. Zwar gibt der überwiegende Teil der Befragten an, Ausbilder/innen zu haben (92,5 Prozent), doch sind diese bei etwa 10 Prozent dieser Azubis selten oder nie präsent, unabhängig von der Firmengröße. Hier macht sich die Aussetzung der Ausbildereignungsverordnung AEVO bis zum August dieses Jahres bemerkbar, da die Befragung vor der Wiedereinsetzung erfolgte.


Problematisch bleibt auch weiterhin die Frage der Übernahme nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung. Nicht einmal jede/r Fünfte hatte zum Zeitpunkt der Befragung Kenntnis darüber, ob im Anschluss an die Ausbildung eine Weiterbeschäftigung angeboten wird.


Besonders erschreckend sind allerdings die Ergebnisse des Schwerpunkts des Ausbildungsreports 2009, der nach geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Bewertung der Ausbildung fragt. Die Ergebnisse bestätigen die Kritik der Gewerkschaften an der Benachteiligung von Frauen, die schon in der Ausbildung beginnt. Für den Ausbildungsreport wurden die 25 untersuchten Berufe aufgeteilt in männlich dominierte, weiblich dominierte und sonstige Berufe ohne eindeutige Dominanz eines Geschlechts. Insbesondere bei den Berufen, die überwiegend von jungen Frauen erlernt werden, lassen sich strukturelle Unterschiede aufzeigen. So erhält ein Drittel der Auszubildenden in solchen Berufen keinerlei Ausgleich für geleistete Überstunden. In den männlich dominierten Ausbildungsberufen werden durchschnittlich drei Urlaubstage mehr gewährt als bei den weiblich dominierten Berufen. Und die durchschnittliche Ausbildungsvergütung (brutto) ist bei den männlich dominierten Ausbildungsberufen um mehr als 100 Euro bzw. fast 22 Prozent höher. Damit bestätigt sich bei den Auszubildenden der Unterschied des durchschnittlichen Bruttomonatsverdiensts insgesamt, der bei Frauen rund 23 Prozent unter dem der Männer liegt. Die DGB-Jugend fordert eine in der gesamten Bildungskette verankerte geschlechtersensible Bildung, die auch in einer breiteren Berufsorientierung umgesetzt werden muss: „Es muss gelingen, das Berufswahlspektrum von jungen Frauen zu erweitern und sie für Berufe zu interessieren, in denen die strukturellen Rahmenbedingungen und Perspektiven günstiger sind. Gleichzeitig fordern wir die umfassende Aufwertung sogenannter typischer Frauenberufe, um der dort geleisteten Arbeit gerecht zu werden und die Attraktivität dieser Berufe insgesamt zu erhöhen“, so René Rudolf.

 

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